< Zurück

Helene Nathan (1885-1940)

Dr. Helene Nathan übernahm das Amt der Leiterin der Städtischen Volksbücherei Neuköln am 1. Juli 1921.

Ihr Bildungsweg führte über das Lehrerinnenseminar in Breslau, an dem sie 1904 das Examen ablegte, über die Universität Breslau, an der sie die Fächer Geschichte, deutsche Literatur und Kunstgeschichte belegte, zur Universität Bern, an der sie 1911 promovierte.

Von 1908 bis 1916 war sie an der städtischen Bücherei Breslau tätig, sammelte dort in einem für damalige Zeit "typischen" Frauenberuf wichtige Erfahrungen.

1916 wechselte sie an die von Walter Hoffmann geleitete "Zentralstelle für volkstümliches Büchereiwesen" in Leipzig.

Wir können durchaus davon ausgehen, dass Helene Nathan in dieser Zeit den Ideen von Walter Hoffmann nahestand.

Gegen eine "mechanistische Volksbildung, die wahllos und beliebig Kulturgüter im Volk verbreitete" sah Hoffmann die Notwendigkeit einer intensiven pädagogischen Betreuung der Leser.

Mit anderen ideologisch gefärbten Begriffen wie der "nationalen" Kulturgemeinschaft, wie sie Walter Hoffmann verwandte, hatte Helene Nathan wenig im Sinn. Hoffmanns spätere Kollaboration mit den Nazis dürfte zu den großen Enttäuschungen in Helene Nathans Leben gehören.

Für sie war es ein "heilsamer Anschauungsunterricht" in einem Arbeiterbezirk wie Neukölln zu wohnen und zu arbeiten, und sie empfahl, Betriebe und Arbeiterversammlungen zu besuchen.

Mit diesen Ideen war Helene Nathan eng mit den reformpädagogischen Ansätzen eines Kurth Löwenstein, eines Fritz Karsen oder Adolf Jensen verbunden.

Aus den Veröffentlichungen Helene Nathans sprechen eine "Modernität", eine Sachlichkeit und ein soziales Engagement, wie sie auch die politische Atmosphäre der Weimarer Republik in Neukölln charakterisieren.

Am 25. März 1933 wurde Helene Nathan als Jüdin aus dem Öffentlichen Dienst entlassen.

Vorübergehen fand sie noch eine Anstellung in einer jüdischen Leihbücherei, bis auch dieser 1937 die Existenzberechtigung entzogen wurde.

Am 23. Oktober 1940 nahm sich Helene Nathan das Leben.

Seit 1989 trägt die Hauptbibliothek Neuköllns den Namen Helene Nathan.

Ausführliche Informationen zur Biografie Helene Nathans und zur Geschichte des Büchereiwesens finden Sie in der Publikation: Aus dem Keller aufs Dach -100 Jahre Stadtbibliothek Neukölln. 1906-2006.